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Familienzentrum
Wittekindshof Gronau
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Ahaus/ Gronau/ Kreis Borken (AM). „Entwicklungsrisiken entstehen immer da, wo Förderbedarfe nicht erkannt und erfüllt werden - auch bei Hochbegabten. Jedes Kind muss aufmerksam von seiner Umgebung wahrgenommen und angemessen gefördert werden. Förderbedarfe kann jedes Kind haben", erklärte Professorin Annette Hartung in einem Vortrag anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Frühförderung Wittekindshof, das mit rund 150 Gästen am Freitag (19. Februar) in der Aula der Bischöflichen Canisiusschule in Ahaus gefeiert wurde.
Die Professorin mit dem bundesweit einzigen Lehrstuhl für Interdisziplinäre Frühförderung wies auf die besonderen elterlichen Belastungen und Überforderung durch Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Traumatisierung und Migrationsprobleme hin. Entwicklungsverzögerungen resultierten in diesen sozial benachteiligten Familien aus reduziertem Körperkontakt, Einschränkung der kindlichen Bewegungs- und Experimentierfreude, unzureichenden Beziehungsangeboten der Eltern, Beschränkung der Sprachkultur auf Ge- und Verbote, Einsatz von Strafen als Erziehungsmittel oder unrealistische Anforderungen an das Kind. Angesichts dieser sich verstärkenden gesellschaftlichen Entwicklung sei eine Sensibilisierung aller Vernetzungs- und Kooperationspartner nötig: „Die Gefährdung der Kinder in belasteten familiären Situationen muss realisiert und die Zusammenarbeit mit Kindertagesstätten intensiviert werden, weil sie oft der einzige Zugangsweg zu diesen Familien sei", erklärte die Professorin für Interdisziplinäre Frühförderung, die sich für eine konsequente Familienorientierung in der Frühförderung aussprach, weil immer mehr Eltern durch Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Traumatisierung und Migrationsprobleme hoch belastetet seien: „Unverzichtbar neben der ‚Arbeit mit dem Kind' muss ein Bewusstsein für die wachsenden Anforderungen an Beratung, Unterstützung und Anleitung der Eltern entwickelt werden." In den Augen von Professorin Hartung sei deswegen mobile Hausfrühförderung im Elternhaus, wie sie im Kreis Borken üblich sei, unbedingt notwendig und sollte in den Landesrahmenempfehlungen verbindlich festgeschrieben werden. Darüber hinaus sollte die präventive Arbeit verstärkt und Kinder aus sozial belasteten Familien grundsätzlich gefördert werden.
Die Professorin erntete in der anschließenden Podiumsdiskussion viel Zustimmung. Ludger Kämmerling, Leitender Arzt vom Sozialpädiatrischen Zentrum in Coesfeld, betonte, dass nicht einseitig nur die Armutsproblematik, sondern auch die moderne Komplexität der Welt gesehen werden müsse, da sie Eltern überfordere und belaste: „Belastete Eltern geben ihre Belastung an ihre Kinder weiter, was dazu führen könne, dass das Kind auf sich allein gestellt ist." Hansjoachim Maier, Geschäftsführer vom Evangelischen Fachverband der Tageseinrichtungen für Kinder in Westfalen und Lippe, kritisierte, dass viele Kinder einen deutlichen Förderbedarf haben, aber nur dann Frühförderung bekommen können, wenn sie im Sinne des Gesetzes (SGB 12 § 53) behindert seien, was der Experte für frühe Hilfen für Kinder als zusätzliche Stigmatisierung bewertete. Er forderte eine stärkere Vernetzung der Angebote für behinderte und nicht behinderte Kinder, die bislang noch an gesetzlichen Hürden scheiterten, wie beispielsweise die grundsätzliche Einbeziehung von Therapeuten in die Teams der Kindertagesstätten.
Der Wittekindshofer Vorstandssprecher Pfarrer Professor Dr. Dierk Starnitzke erklärte, dass es das Ziel sein müsse, dass die Unterscheidung behindert oder nicht behindert keine Relevanz mehr habe. Der Wittekindshof habe sich in einem Handlungsleitenden Bild deswegen verpflichtet, sich sowohl für die Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Unterstützungsbedarf einzusetzen, aber auch gesellschaftliche Änderungsprozesse zu initiieren und weiter zu entwickeln, um die Inklusion, das selbstverständliche Miteinander in allen Lebensphasen von Menschen mit und ohne Behinderung zu fördern.